„Je préfère mourir debout que vivre à genoux“

Gestern überfielen Terroristen mit einem islamistischen Hintergrund die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“. Ihr Ziel war es „den Propheten Mohammed zu rächen“, den sie durch die Karikaturen dieser Zeitschrift verunglimpft sahen. Was mich entsetzt ist nicht nur die barbarische Ermordung von 12 Menschen, sondern auch, dass es Personen gibt, die diese abscheuliche Tat durch die „Provokation“ der Satirezeitschrift indirekt zu rechtfertigen versuchen.

Charlie Hebdo

Charlie Hebdo ist eine französische Satirezeitschrift, die dafür berühmt ist stark zu polarisieren. Schon in der Vergangenheit gab es deshalb Morddrohungen. Allerdings ließ sich die Redaktion davon nicht einschüchtern und machte weiter. Nun mag es Menschen geben, die das als dumm bezeichnen würden, doch ich bezeichne es als außerordentlich mutig. Es war die absolut richtige Entscheidung. Eine bestimmte Satire gefällt den einen und missfällt den anderen. Das hat Satire nun einmal an sich. Doch durch Satire werden oft wichtige Themen angesprochen, die ansonsten einer großen Masse von Menschen nicht bekannt werden würden. Sie ist außerordentlich wichtig für unsere Gesellschaft.

Die Reaktion auf das Attentat

Das weltweite Entsetzen über diesen Terroranschlag – vor allem aber in Europa – hat mir wieder gezeigt, dass viele Menschen nicht bereit sind die Errungenschaften unserer Zivilisation kampflos aufzugeben. Darunter fallen auch die Presse- und Meinungsfreiheit. Im Laufe der europäischen Geschichte mussten – besonders im vergangenen Jahrhundert – unzählige Millionen Menschen ihr Leben lassen, damit wir nun diese Grundrechte ausüben können. Dieses Privileg bedeutet aber auch, dass wir diese Grundrechte verteidigen müssen. Gestern Abend zeigten viele Menschen durch ihre Teilnahme an spontanen Demonstrationen wie man auf die richtige Art und Weise diese Grundfreiheiten verteidigt. Man brauchte dafür keine neuen Überwachungsgesetze, sondern lediglich einen „Stift“ als Symbol für die Meinungsfreiheit. So lang wir uns das freie Wort nicht verbieten lassen, können Fanatiker uns unsere Freiheit nicht nehmen.

Die Gefahr einer falsch verstandenen Toleranz

Doch wie ich bereits anklingen habe lassen, gibt es auch Personen, die das Attentat indirekt durch die „Provokation“ der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ zu rechtfertigen versuchen. Sie meinen damit die Karikaturen, die in ihren Augen den Propheten Mohammed beleidigen. Doch wo wird es enden wenn wir beginnen – aus Angst jemanden zu „provozieren“ – keine Karikaturen über religiöse Motive mehr zu zeichnen oder wenn Journalisten aus Angst vor Konsequenzen bestimmte heikle Themen nicht mehr ansprechen? Diese Vorgehensweise würde uns direkt in die Zensur führen. Dafür bräuchten wir nicht einmal ein Gesetz. Die Angst alleine würde die „Selbstzensur“ steuern.

Jene die glauben, dass die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ einen anti-islamischen Kreuzzug durchführte, sei nur gesagt, dass auch das Christentum von „Charlie Hebdo“ nicht verschont wurde. Womöglich gibt es auch Menschen, die sich darüber aufregen. Aber in einer freien Gesellschaft hat man das Recht gegen etwas was einem missfällt zu demonstrieren oder sogar rechtliche Schritte einzuleiten, damit ein unabhängiges Gericht darüber entscheiden kann. Jemanden zu töten, weil man sich in seinen religiösen Gefühlen beleidigt fühlt, ist keine akzeptable Reaktion. Sie muss vom Rechtsstaat mit aller Härte verfolgt werden.

Ich jedenfalls fühle mich weder durch die christlichen noch durch die islamischen Karikaturen von „Charlie Hebdo“ beleidigt. Als Christ kann ich sagen, dass es schon so manche Karikatur über meinen Glauben gegeben hat, die mich zum Lachen brachte und/oder auch zum Nachdenken anregte. Ich fühle mich in diesen Momenten nie als schlechter Christ. In jeder Religion oder politischen Überzeugung gibt es radikale Strömungen. So wie sich die christlichen Kirchen mit radikalen Strömungen auseinandersetzen mussten und müssen, muss auch der Islam das tun. Es reicht nicht – wie manche es tun – zu sagen: Das ist nicht der Islam; denn es ist eine Tatsache, dass das auch der Islam ist so wie es genug Beispiele gibt wo man sagen muss: Das ist auch das Christentum; man kann die Glaubensbotschaften als Botschaften der Nächstenliebe und des Friedens interpretieren, aber man kann auch Gewalt und Hass herauslesen. Es liegt an uns Menschen die richtige Wahl zu treffen.


Im Gedenken an die Opfer der Terroranschläge vom 7. und 8.1.2015 in Paris

„Je préfère mourir debout que vivre à genoux.“

   „Ich würde lieber stehend sterben als auf Knien zu leben.“

                      (Stéphane Charbonnier „Charb“, Chefredakteur, ermordet am 7.1.2015)