Petra Halfmann

Herz-Töne ~ Musik hinter Gittern

Mit 19 Jahren habe ich mit der Gefährdetenhilfe das erste Mal die JVA Siegburg besucht, um dort zu singen. Ich war sehr gespannt, wie die Jugendlichen reagieren würden, oder besser gesagt: lch war mir unsicher, ob sie mir überhaupt zuhören würden und mit meinen Liedtexten etwas anfangen könnten. Die jungen Gefangenen haben nicht nur zugehört, es gab ein tolles Feedback. lm Anschluss Iernte ich meine Zuhörer bei Gesprächen besser kennen und an diesem Tag habe ich mich entschlossen, dass der Besuch im Gefängnis keine einmalige Sache bleiben sollte.  © Foto: Petra Halfmann.

Manchmal werde ich gefragt, ob ich keine Angst habe, wenn ich ins Gefängnis gehe. Angst hatte ich fast nie. Vielleicht einmal in einem Gefängnis der brasilianischen Metropole Sao Paulo, als besonders starke Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden, weil es dort am Tag zuvor eine Revolte gab. Wenn ich den Männern im Gefängnis gegenüberstehe und singe, denke ich nicht darüber nach, welche Straftaten sie begangen haben. Vielmehr möchte ich mit meinen Liedern eine Brücke bauen und Zugang zu ihnen finden. Wenn das gelingt – und das kann Gott bewirken – dann ist das eine ganz besondere Erfahrung. Oft erlebten wir, dass sich während eines Konzertes oder Gottesdienstes die Gesichter der Zuhörer verändern. Und manchmal regt sich noch mehr: Dann sitzen uns die Männer und Frauen nicht nur schweigend gegenüber, sondern sie werden selbst aktiv, indem sie zustimmend nicken, zu dem Lied klatschen oder sogar mitsingen. Es kann auch sein, dass sie einen kurzen Kommentar dazwischen rufen.

Bei Reisen durch die Mongolei habe ich festgestellt, dass sich die mongolischen Gefangenen gerade durch Musik tief in ihrer Seele ansprechen lassen. Wer ihre wunderschönen Volkslieder singt, der erlebt etwas, das sich mit Worten kaum beschreiben lässt. Sie können zu Tränen gerührt und dann wieder „total aus dem Häuschen“ sein, was sie mit Pfeifen, Stampfen, Klatschen und Johlen ausdrücken. Auch aus Deutschland kennen wir solche „interaktiven“ Gefängniskonzerte. Zum Beispiel unser Gospel-Weihnachtskonzert mit dem Projektchor im Frauengefängnis Willich im vergangenen Dezember. Dort haben wir hautnah die emotionalen Reaktionen der Frauen zu spüren bekommen.

Ein Konzert muss zugleich mehr sein, als, „nur“ ein besonderer Event im Gefängnis. Was bleibt für die Männer und Frauen, wenn sie ein tolles Konzert erleben und sie dann wieder auf ihre Zellen gehen und sich der „graue“ Gefängnisalltag fortsetzt?

Ich finde es wichtig, einen „lnput” mitzugeben; etwas zu sagen, was ihnen in ihrer schwierigen Situation weiterhilft. Das kann natürlich nur etwas sein, was mir selbst weitergeholfen hat – eine persönliche Erfahrung. Ich möchte, dass sie wissen: Gott will ihnen helfen. Wir müssen nach dem Programm das Gefängnis wieder
verlassen. Aber wir können unseren Besuchern sagen, dass sie nicht verlassen sind; Gott da ist, auf den sie sich wirklich verlassen können. Diese Erfahrung teilen auch Menschen hinter den Gittern.

Wenn ich im Gefängnis singe, mache ich mir bewusst: Mir sitzen Leute gegenüber, die sehr viel erlebt haben und die dementsprechend misstrauisch sind. Sie können aufgrund ihrer Lebenserfahrung schnell erfassen, ob ihnen ein anderer etwas „vormacht“ oder ob er „echt“ ist. Das bedeutet: ich kann meinen Zuhörern nicht einfach „irgendetwas“ erzählen, es muss mit meinem Leben übereinstimmen. Ein Phänomen hat mich in all den Jahren, die ich in Gefängnissen unterwegs bin, sehr erstaunt: Verantwortliche der Justiz berichten, dass sich nach unseren Veranstaltungen die Atmosphäre im Gefängnis und der Umgang der lnhaftierten miteinander positiv verändern. Nicht nur für ein paar Stunden, sondern nachhaltig. Das haben wir nicht nur einmal zu hören bekommen, sondern immer wieder und in ganz unterschiedlichen Ländern – zuletzt in den ungarischen und kenianischen Gefängnissen. In der Mongolei haben die VolIzugsbehörden die Idee aufgegriffen und mongolische Musiker engagiert, die nun regelmäßig in den Gefängnissen Konzerte geben.

Wenn ich im Gefängnis singe, vergesse ich manchmal, an welchem Ort ich mich befinde. Und wenn ich am Ende des Programms mit Zuhörern spreche, denke ich oft nicht daran, dass ich Gefangenen gegenüberstehe. Unabhängig von den Umständen ermöglicht die Musik eine Begegnung von Mensch zu Mensch. Und wie die Männer und Frauen das aufnehmen? Dazu ließe sich viel schreiben.

Musik ermöglicht unabhängig von äußeren Umständen eine Begegnung von Mensch zu Mensch. Das fordert von Musikern, authentisch zu sein. Und Christen eröffnet sich die Chance, mehr als Unterhaltung zu bieten.

Petra Halfmann aus Hückeswagen,
Musikpädagogin, Liedermacherin und Chorleiterin.
Web: http://www.petra-halfmann.de/